Wolfenbüttel setzt auf bestehende Oasen: Stadtpolitik berät zukunftsweisendes Freiraumentwicklungskonzept

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Pressemeldung

Wolfenbüttel benötigt keinen neuen Stadtpark. Eine umfassende Analyse der bestehenden Stadtstruktur zeigt, dass der historische Kern bereits über eine enorme Qualität und eine große Anzahl an Grünflächen verfügt. Dies hat das im Rahmen einer potenziellen Landesgartenschau-Bewerbung erarbeitete Konzept ja bereits festgestellt. Nun soll es als strategisches und visionäres Entwicklungskonzept für Freiräume diskutiert werden, um die vorhandenen Strukturen gezielt aufzuwerten, zu vernetzen und klimaresilient zu gestalten. Nach der Sommerpause wird die Stadtpolitik darüber beraten.

Vom Veranstaltungskonzept zum strategischen Planungsinstrument
Im Oktober 2024 entschied der Rat der Stadt Wolfenbüttel, keine Bewerbung für die Landesgartenschau 2030 einzureichen. Da die im Vorfeld erarbeiteten Ideen und die fundierte Machbarkeitsstudie in den Beratungen jedoch durchweg positiv hervorgehoben wurden, beschloss das Gremium, das Konzept nicht zu verwerfen. Die Verwaltung arbeitete es zwischenzeitlich weiter aus und nach Beratung und Verabschiedung soll es künftig als langfristiges Freiraumentwicklungskonzept dienen und als verbindliche Grundlage in künftige Entscheidungen zur Weiterentwicklung der innerstädtischen Freiräume einfließen.

Der „Grüne Ring“ als soziales und ökologisches Rückgrat
Die Analyse des Planungsbüros arc.grün zeigt, dass Wolfenbüttel mit dem Stadtgraben, dem Seeligerpark, den stadtnahen Sportanlagen und den zahlreichen Oasen an der Oker bereits über 100 Hektar zusammenhängende und größtenteils verknüpfte Grünflächen besitzt. Anstatt neue Flächen umzuwandeln, stellt das Konzept die Bewahrung, Pflege und sinnvolle Weiterentwicklung dieser bestehenden Strukturen in den Vordergrund. Der bereits intensiv für Freizeit und Erholung genutzte „Grüne Ring“ soll zu einem barrierefreien, offenen System ohne Ausgrenzungen ausgebaut werden, das die Stadt in ihrer Gesamtheit erlebbar macht. Neben der Sanierung bestehender Gärten sollen neue Elemente der Stadtnatur als Trittsteine fungieren und die Kernstadt enger zusammenschließen. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei die Oker ein, die durch durchgehende Uferwege und die stärkere Nutzung der Wasserstraße als verbindende Achse aktiviert wird.

Klimaresilienz und Biodiversität im Fokus
Das Freiraumentwicklungskonzept verfolgt drei übergeordnete Hauptziele: den Schutz und die Anpassung des Stadtklimas an die Herausforderungen des Klimawandels, die Förderung der Biodiversität sowie die Erhöhung der stadträumlichen Funktionalität. Ergänzend fließen soziale Aspekte wie altersgerechte Angebote und die Förderung gesellschaftlicher Inklusion in die Planungen ein.

Die landwirtschaftlichen Flächen im Norden und Süden der Stadt fungieren als essenzielle Kalt- und Frischluftentstehungsgebiete, deren Luft über die Leitbahnen der Oker in die dicht besiedelte und lufthygienisch belastete Innenstadt transportiert wird. Das Konzept sieht vor, bestehende Frischluftbarrieren zu berücksichtigen und sensible Bereiche wie das Landschaftsschutzgebiet „Wallanlagen“, die Brutvogelgebiete und die Biotope der südlichen Okeraue streng zu schützen. Bei allen baulichen Maßnahmen – etwa dem Hochwasserschutz in der nördlichen Flutmulde oder neuen Brückenbauwerken – stehen Natur-, Artenschutz und Denkmalpflege an oberster Stelle.

Priorisierte Umsetzung durch ein klares Bewertungssystem
Um die Maßnahmen zielgerichtet steuern zu können, wurde in Anlehnung an das Bewertungssystem des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) eine stadtbezogene Bewertungsmatrix entwickelt. Insgesamt wurden 26 sogenannte Projekt-Steckbriefe untersucht. Durch die geplanten Eingriffe können 14 Projekte in ihrer Klimafunktion, 25 in ihrer stadträumlichen Funktion und 18 im Bereich der Biodiversität teils deutlich aufgewertet werden.

Die wichtigsten Impulsprojekte im Überblick:

Apfelgarten (Steckbrief 12): Dieses Projekt könnte das größte Aufwertungspotenzial innerhalb des gesamten Konzepts bieten. Durch einen Rückbau von Parkplatzflächen vor der Landesmusikakademie und eine mögliche Umgestaltung des Areals zu einer traditionellen Obstwiese ließe sich die westliche Grünverbindung stärken. Zugleich könnten das Umfeld des Jugendgästehauses aufgewertet und größere Flächen entsiegelt werden. Voraussetzung hierfür wäre die Errichtung einer mehrgeschossigen, begrünten Parkpalette an der Sporthalle (Steckbrief 11), durch die die entfallenden Stellplätze möglichst effizient kompensiert werden könnten.

Schlossplatz (Steckbrief 26): Der stark frequentierte Vorplatz des Schlosses weist insbesondere in den Sommermonaten eine erhebliche Hitzeentwicklung auf. Da die Freifläche weiterhin für Großveranstaltungen und den Weihnachtsmarkt benötigt würde, käme eine dauerhafte Pflanzung größerer Bäume im Zentrum voraussichtlich nicht infrage. Das Freiraumkonzept enthält daher einen weitreichenden Vorschlag, der kontrovers diskutiert werden könnte: Ein rund 220 Meter langes, begrüntes Pergolensystem aus Stahlbügeln könnte mit flexiblen Sonnensegeln und integrierten Sprühnebeldüsen kombiniert werden. Auf diese Weise ließe sich im Bereich des Brunnens kurzfristig eine klimatisch wirksame Aufenthaltszone schaffen, ohne die historischen Sichtachsen wesentlich zu beeinträchtigen.

Stadteingang Süd (Steckbrief 1): Die ursprünglich zusammenhängenden Wallanlagen wurden in den 1960er-Jahren durch den Bau der Langen Straße unterbrochen. Durch eine optische Weiterführung des Stadtgrabens in Form einer räumlich gefassten Grünfläche, eine platzartige Gestaltung der Straßenquerung und die Pflanzung einer markanten Eingangsallee könnte der südliche Stadteingang gestalterisch aufgewertet werden. Gleichzeitig ließe sich der historische räumliche Zusammenhang wieder deutlicher erlebbar machen.

Verbindungsweg Bahnhof (Steckbrief 4) und Landeshuter Platz (Steckbrief 22): Im Bereich des Bahnhofs könnten die Erschließungswege für den Fuß- und Radverkehr zu einer attraktiven Promenade in Richtung Sportpark weiterentwickelt werden. Am Landeshuter Platz würde dagegen insbesondere die Entsiegelung bestehender Flächen im Vordergrund stehen. Rund um die Kirche könnten befestigte Flächen reduziert und der zentrale Hügel oberhalb der historischen Bunkeranlage zu einem naturnahen Birkenhain und Stadtbiotop entwickelt werden.

Für die Fortführung der einzelnen Maßnahmen plant die Stadt Wolfenbüttel neben der Eigenfinanzierung gezielt auf Fördermittel des Bundes, der Länder sowie auf EU-Programme zurückzugreifen, wobei insbesondere Programme zur Städtebauförderung und zum städtebaulichen Klimaschutz im Fokus stehen. Die Umsetzung des Gesamtkonzepts leistet somit einen messbaren und nachhaltigen Beitrag zur Bewältigung des Klimawandels und zur langfristigen Sicherung der Lebensqualität in Wolfenbüttel. Das Konzept dient in den kommenden Jahren als Grundlage und Quelle der Möglichkeiten, wenn Maßnahmen in den Bereichen der Steckbriefe umgesetzt werden sollen.

Das Konzept ist im Ratsinformationssystem unter https://ris.wf.de/bi/to0050.asp?__ktonr=172309 für Interessierte abrufbar.