Vortrag Schimpf

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Wolfenbüttel. Nachwuchssorgen allerorten. Sogar an der Loge ,Wilhelm zu den drei Säulen‘ geht dieses Phänomen nicht spurlos vorüber. Unter Leitung ihres Vorsitzenden (Meister vom Stuhl) Thomas Stechert öffnete sich die Wolfenbütteler Freimaurer zuletzt spürbar. Boten Rundgänge durch das Historische Logenhaus (Kanzleistraße 4), luden zu Mitmachaktionen ein und veranstalten neuerdings Vortragsabende mit prominenten Gästen. „Wir wollen etwas mehr in die Öffentlichkeit rücken“, sagt Stechert. „Vielleicht wecken wir bei jüngeren Generationen das Interesse an einer Mitgliedschaft.“

Und so kamen am Donnerstag mehr als 100 Besucher und Besucherinnen in den Genuss eines Abends, bei dem der charmante Plauderer Eckhard Schimpf im Mittelpunkt stand. Einst gehörte er zur Chefredaktion der Braunschweiger Zeitung, doch seit seinem Wechsel in den Ruhestand macht Schimpf Furore als Buchautor und Vortragender in Sachen Regionalgeschichte.

Ehemalige Kollegen: Thomas Stechert, Logenmeister vom Stuhl (links) sowie sein Gast, Eckard Schimpf.  Foto: Regio-Press

Geboren am 1. Juli 1938, hat er viele Höhen und Tiefen des Braunschweiger Landes miterlebt. Legendär sind seine Schilderungen rund um die Bombennächte und das brennende Braunschweig – all das erlebte der kleine Ecki an der Hand seiner Mutter hautnah mit. Doch der Abend im Logenhaus drehte sich in erster Linie um seine Verbindungen nach Wolfenbüttel, denn auch sie sind hochspannend: Firmengründer Wilhelm Mast war sein Großvater, Jägermeister-Erfinder Curt Mast war der Bruder seiner Mutter Lotte, also der Onkel des Referenten. „Curt Mast hat in meinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt, ebenso wie in dieser Loge.“

Eckhard Schimpf – immerhin bald 88 Jahre alt – beeindruckte im Festsaal mit starker Bühnenpräsenz und tollem Gedächtnis. Die Zeitreise, auf die er die Gäste mitnahm, ging kurz zurück ins Jahr 1846. Damals wurde Großvater Wilhelm in Wieda geboren. Schilderungen der Lebensumstände seither fanden regelmäßig Eingang in die Familienunterlagen. „Was ich da lese, finde ich immer noch erstaunlich, weil es so völlig andere Rahmenbedingungen waren, die mich aber durch die Familie doch direkt betreffen.“ So zitierte er aus den Notizen seiner Mutter die Schilderung einer Reise von Wieda nach Braunschweig: „Morgens um 3 Uhr zu Fuß nach Hohegeiß. Dort in die Postkutsche nach Harzburg, das damals noch Neustadt hieß. Nach acht Stunden Ankunft und Übernachtung. Am nächsten Tag mit der Eisenbahn in die Residenzstadt.“

Oft kommt die Mutter vor in Schimpfs Schilderungen. Die Beziehung der beiden war eng, was wohl nicht nur an den gemeinsam verbrachten Bombennächten lag, sondern auch an der verfrühten Geburt. „Ich war ein Siebenmonats-Kind, und mancher gab mir nur wenig Chancen.“ Nachdem er die Kurve gekriegt hatte und auch der Krieg überstanden war, sorgten Entbehrungen für zusätzliche Nähe. „Ausgebombt wie wir waren, hatten wir keine Bücher, nur Kerzenstummel und es gab keinen Strom.“ Also erzählte Lotte ihrem Filius Geschichten. „Dazu hatte sie großes Talent.“

Oft ging es damals auch zur Verwandtschaft nach Wolfenbüttel. „Das war für uns ja ein Idyll, schließlich sind hier so gut wie keine Bomben gefallen.“ Auch später hielt Eckhard Schimpf den Kontakt – und wurde mehr zufällig Teil der gigantischen Marketing-Kampagne, die sein Cousin Günter Mast damals lostrat. Der leitete 1972 den Jägermeister-Konzern, als der Motorsport-Verband Werbung auf den Fahrzeugen auch für Externe erlaubte. Da hatte Schimpf schon 25 jahre Motorsport-Begeisterung und zahllose eigene Rennen hinter sich. Und als er dem Cousin vorschlug, für kleines Geld einen Wagen mit dem Hirschkopf zu bekleben, stieg der gleich richtig ein. „Das war die Geburtsstunde des Jägermeister Racing-Teams, das ich 30 Jahre lang leiten durfte.“

Viel Applaus gab es am Ende der gut 90 Minuten in der Loge – ohne Zweifel hätte es noch stundenlang weitergehen können. Eckhard Schimpf („Ach, das muss ich auch noch loswerden…“) steckt voller Anekdoten, zum Beispiel aus seiner großen Familie mit allein 37 Cousins und Cousinen. „Einer von uns wurde sogar vom Hai gefressen, vor der Küste Kameruns.“ Oder die schöne Geschichte, wie er einst in einer Scheune in Apelnstedt auf die ruinenhaften Reste eines Motorrades stieß, das ihn schon als Kind fasziniert hatte – und wie der Spontankauf des rostigen Haufens für völlig überteuerte 11.500 DMark zu einer ernsthaften Ehekrise im Hause Schimpf führte. Späte Genugtuung: „26 Jahre danach wollte ein irischer Brauereibesitzer die inzwischen restaurierte Maschine unbedingt haben und legte uns 120.000 Pfund auf den Tisch.“

Ein gelungener Abend, dem Thomas Stechert und sein Team noch einige weitere folgen lassen wollen.

Die nächsten Termine:
– Montag, 8. Juni (19.30 Uhr) , Ex-Minister Sigmar Gabriel (dieser verschobene Termin findet im Lessingtheater statt).
– Montag, 2. November (19 Uhr): Mitmach-Abend in Kooperation mit der Tanzschule am Park. Es geht um erste Tanzschritte im Logensaal.

Fotos: Ausverkauftes Haus im Festsaal der Loge.  Foto: Regio-Press

Ehemalige Kollegen: Thomas Stechert, Logenmeister vom Stuhl (links) sowie sein Gast, Eckard Schimpf.  Foto: Regio-Press