Die Evangelische Frauenhilfe besteht 111 Jahre. Wie sie es schafft, gesellschaftliche Relevanz zu behalten.

Schöppenstedt. Es ist eine knifflige Aufgabe, traditionsreiche Vereine so am Puls der Zeit zu halten, dass sie durch die Jahrhunderte nichts an Attraktivität und Relevanz einbüßen. Die Evangelische Frauenhilfe/Landesverband Braunschweig führte jetzt vor, wie lebendig und diskursfreudig sie 111 Jahre nach ihrer Gründung noch immer ist – und verankert in der Mitte der Gesellschaft. Eingeladen waren Gäste aus 87 Ortsgruppen, von welchen sich rund 175 Frauen in der Schöppenstedter Eulenspiegelhalle eingefunden haben.

Als die Frauenhilfe 1899 in Berlin gegründet wurde, hatte Deutschland noch einen Kaiser (seine Frau Auguste Viktoria war Schirmherrin der Gründung) und der Begriff ,Weltkrieg‘ war völlig unbekannt. Und doch sollte die Versorgung verwundeter Soldaten in den heimischen Lazaretten sowie das Packen von Verpflegungspaketen für Frontsoldaten in den nächsten Jahrzehnten wesentlicher Bestandteil der Arbeit des jungen Vereins werden. Auch für Wöchnerinnen und Bedürftige wurde z.B. in Suppenküchen und mit Armenspeisungen gesorgt. Mit diesem Hintergrund der praktischen ‚Liebesdienste‘ entstand 1907 in Jerxheim die erste Ortsgruppe im Braunschweiger Land, 1913 gründete sich der Landesverband in der Löwenstadt.

Damals wie heute treffen sich Frauen auf der Grundlage christlichen Glaubens, tauschen sich aus und stärken sich gegenseitig: Die Frauenhilfen wollten gemeinsam Gebiete auch jenseits des traditionellen Umfeldes Küche, Kinder, Kirche erkunden. Dabei ging es um die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung, und genau dieser Punkt sorgt bis heute sozusagen für die anhaltende Erneuerung der Frauenhilfe. „Jede Frau ist bei uns willkommen. Wir legen Wert auf ein gleichberechtigtes Frauenbild“, sagt die Landesvorsitzende Renate Leu und freut sich über großen Zuspruch: „Unser Vortragsangebot ist durchweg ausgebucht.“ Dabei geht es stets um aktuelle Fragen, die Bildungsarbeit nimmt Konflikt- und Notsituationen für Frauen ebenso in den Blick wie allgemeine (Fehl-)Entwicklungen: „Wir wollen Rahmenbedingungen in Kirche und Gesellschaft für Frauen und Familien mitgestalten.“

Drei Schwerpunkte haben sich zuletzt herauskristallisiert: Das Thema Demenz liegt der Vorsitzenden besonders am Herzen. „In den nächsten Jahren wird uns das verstärkt beschäftigen – leider ist es trotzdem in vielen Familien noch immer ein Tabuthema.“ Renate Leu hat sich intensiv mit der Nationalen Demenzstrategie beschäftigt, und bereits Ende 2023 gab es erste Veranstaltungen zu dem Bereich. „Weitere Aufklärungsarbeit dazu wird folgen.“

Ein weiterer wichtiger Bereich, in welchem sich der Landesverband der evangelischen Frauenhilfe engagiert und solidarisiert, ist der Weltgebetstag. Projektmäßig in jedem Jahr lädt der Landesverband zu Informationsveranstaltungen über das jeweilige Land ein (2025: die Cook-Inseln) und qualifiziert für die eigenständige Durchführung der Weltgebetstags-Veranstaltungen in den jeweiligen Gemeinden, die weltweit am ersten Freitag im März stattfinden. Für den Einsatz von Frieden und Gerechtigkeit verbindet sich die Evangelische Frauenhilfe mit den Frauen weltweit.

Ein ähnlicher Dauerbrenner von großer Relevanz ist das ,Haus Daheim‘, das der Landesverband als Gesellschafterin in Bad Harzburg betreibt. „Die 90 Plätze werden im drei-Wochen-Rhythmus neu belegt, in der Regel kommen 35 Frauen und 55 Kinder zu uns“, sagt Geschäftsführerin Antje Krause. Die Kuraufenthalte haben sich in den vergangenen rund 90 Jahren sicher verändert, zur ursprünglichen Erholungsaufenthalte der ,Müttergenesung‘ sind heute medizinische Vorsorge und Rehabilitationsmaßnahmen für erschöpfte und kranke Mütter. Die komplexen gesundheitlichen Problemlagen finden in ihren Ursprung in permanenter Überlastung durch Carearbeit, aber auch auf Grund von häuslicher Gewalt oder schwerer chronischer Erkrankung. „Haus Daheim ist ohne die Evangelische Frauenhilfe nicht denkbar“, betont Antje Krause. „So lange Frauen gesellschaftlich benachteiligt sind und geschlechtsspezifische Gewalt ein Teil unseres Lebens ist, gibt es viele gute Gründe für die Evangelische Frauenhilfe.“

Das würden sicher viele der mittlerweile 2000 Mitglieder im Braunschweiger Land unterschreiben. In ihrem Festvortrag zählte Äbtissin Cornelia Renders (Kloster Isenhagen) weitere Baustellen der Gesellschaft auf, zum Beispiel den Gender Pay Gap und den Care Gap, also die großen Unterschiede bei der Bezahlung von Mann und Frau sowie bei der Verteilung von Sorgearbeit für die Familie: „Da haben wir Gerechtigkeit noch lange nicht erreicht.“

Gleichwohl verbanden viele der Gäste mit der Frauenhilfe eher die Gemeinschaft als den Kampf gegen Ungerechtigkeit. Eine spontane Umfrage der Äbtissin ergab als großes Plus das Miteinander bei den regelmäßigen Treffen. Gemeinsamkeit, eine gute Zeit, Gespräche sowie Füreinander da sein, auch in Krisenzeiten – all das sorgt dafür, dass die 87 Ortsgruppen noch immer gut besucht sind und in ihren Gemeinden gehört werden.

Fest steht: Heute ist die Arbeit der Evangelischen Frauenhilfe ein weites Feld, und dazu passte schließlich auch das Motto der Jubiläumsveranstaltung: „Alles was Ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1. Korinther 16, 14)

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