Lavie, Der Weg und Axon veranstalten eine dreiteilige Reihe von Fachtagungen. Es geht um „Dimensionen psychosozialer Grundbedürfnisse“ – und vor allem um die Lösungsansätze in der Region.

Braunschweig. Wenn man so will, ist es die ultimative Abschlussprüfung: Am Donnerstag, 14. März, beginnt in Braunschweig eine Reihe von drei öffentlichen Fachtagungen, bei der es um „Dimensionen psychosozialer Grundbedürfnisse“ geht – und ein Quartett schaut ganz genau zu. Denn Cem Demir, Natalie Krämer, Fabian Schmidt und Sarah Zehaluk haben die Großveranstaltungen im Rahmen ihrer Ausbildung bei der Lavie Reha gGmbH geplant. Der letzte Prüfstein vor ihrem Abschluss im Sommer.

Die vier künftigen Bürokaufleute wissen, wovon sie sprechen. Auf unterschiedlichen Lebenswegen sind sie in die psychische Rehabilitation gekommen, erhielten bei Lavie die erforderliche Zeit und ergriffen schließlich die Chance zur Berufsausbildung. „Man hört nie auf, betroffen zu sein“, sagt Cem Demir. „Aber man geht anders damit um.“ Der 28-jährige Wolfenbütteler bedauert, erst spät auf Lavie (Königslutter, Braunschweig) gestoßen zu sein. „Man hätte mir schon Jahre vorher helfen können.“

Damit ist schon ein Missstand genannt, dem die Veranstaltung abhelfen will: „Es geht um Vernetzung und schlicht den Versuch, alle Angebote der Region bekannter zu machen – auch untereinander“, betont Elisabeth Viedt. Sie hat das Tagungsteam als Anleiterin begleitet und freut sich auf die drei Tagungen zu den Themen Gesundheit, Arbeit und Wohnen. Da spielen natürlich auch Prävention und Inklusion eine große Rolle. „Im Grunde gibt es erfreulich viele Hilfen in der Region, aber untereinander sind sie nicht ausreichend bekannt.“

Das soll nun anders werden, und darum hat sich ein einflussreiches Trio zusammengeschlossen, zu dem neben der Lavie Reha auch die Vereine Axon (Förderung seelischer Gesundheit) und Der Weg (gemeindennahe sozialpsychiatrische Hilfen) gehören. „Es ist ein drängendes Thema, deshalb gehen wir mit den Tagungen in die Region“, erklärt Elisabeth Viedt. Psychosoziale Grundbedürfnisse seien beileibe keine Randerscheinung. Und so wird es in Vorträgen, Podiumsgesprächen, Literatur und Musik auch um die Zukunft unserer Gesellschaft gehen, um Fachkräftemangel und Versorgungssicherheit.

Sarah Zehaluk zum Beispiel hat bei ihrer Suche nach Hilfe und Ausbildung einen Ämter-Marathon hinter sich. Zwei Lehrverträge hatte sie zuvor abgebrochen, Arbeitgebern und Kollegen war der Umgang mit der depressiven Frau offenbar unklar. „Wenn ich mich mal geöffnet habe und von meinen Problemen sprach, hieß es oft: Stell dich nicht so an.“ So werde ein Tabu-Thema zum Teufelskreis: „Wer sich öffnet, wird belächelt. Irgendwann geht man gar nicht mehr raus.“

Erst bei Lavie erfuhr sie Aufmerksamkeit und Empathie, inzwischen ist die 26-Jährige eine selbstbewusste Frau geworden und hat keine Probleme mehr damit, vor Gruppen frei zu sprechen. „Bis dahin wurde ich leider von einem Amt zum nächsten weitergereicht, weil kaum jemand wusste, wie und wo mir zu helfen ist.“ Konsequent: Im Tagungsteam hat sie sich dafür eingesetzt, auch Vertreter des Arbeitsamtes einzuladen. Ihr Mitstreiter Fabian Schmidt ergänzt das um einen Aufruf an die Arbeitgeber: „Unsere Veranstaltung vermittelt wichtige Impulse, auch zur Prävention. Firmen sollten Beschäftigte dafür freistellen.“

Unter einer Angststörung litt Natalie Krämer, als sie mit ihrer Zwillingsschwester in eine eigene Wohnung zog – mit 17 Jahren. „Die Familienhilfe kam zwar vorbei, aber sonst passierte nichts“, erzählt die heute 23-Jährige. Mittlerweile wisse sie, wie viele Hilfsangebote es in der Region gibt. „Es fehlt aber an einer gebündelten Information darüber.“ Als Betroffene betont sie, wie wichtig selbstbestimmtes Wohnen ist. „Jeder hat doch sein eigenes Tempo und seine eigenen Skills – damit kommt man alleine viel druckfreier klar.“

Therapieangebote, Wohnplätze, Ausbildung: Überall sind die Wartezeiten lang, weiß Elisabeth Viedt. „Und die Zahl der Menschen mit Hilfebedarf steigt.“ Umso wichtiger sei es, die Ressourcen sinnvoll zu nutzen, und dafür ist Information unabdingbar. Bei der Fachtagung gehe es auch darum, den Ist-Zustand zu ermitteln, sagt die Axon-Projektmanagerin.

Übrigens ist sie davon überzeugt, dass Fragen psychosozialer Grundbedürfnisse immer zurückspielen in die Gesellschaft. Zum Beispiel könnte dem Fachkräftemangel durch kreative Lösungen abgeholfen werden: „Jeder Mensch hat Fähigkeiten. Man muss nur manchmal etwas länger danach suchen.“

Programm und Anmeldung über axonev.de/fachtagung

Thema Gesundheit: 14. März, 8 bis 16 Uhr im BZV Medienhaus in Braunschweig
Aus verschiedenen Perspektiven werden die Herausforderungen der gesundheitlichen Versorgung im regionalen psychiatrischen System eingehend betrachtet.

Thema Wohnen: 11. April, 8 bis 16 Uhr im Phaeno in Wolfsburg
Wohnen ist ein Menschenrecht und ermöglicht Selbstbestimmung und Teilhabe, darüber hinaus ist Wohnen ein zentraler Bestandteil zum Erhalt oder zur Förderung der Gesundheit. Wie gelingt ein zukünftiges Zusammenleben in der Region Braunschweig-Wolfsburg?

Thema Arbeit: 30. Mai, 8 bis 16.30 Uhr bei Lavie Reha gGmbH in Königslutter
Arbeit sichert unsere Existenz und stabilisiert den Selbstwert. Für Menschen mit seelischen Erkrankungen sind bestimmte Anforderungen des Arbeitsmarktes noch immer eine Hürde, dabei werden Arbeitskräfte dringend benötigt. Wie kann Inklusion gelingen und wie wollen wir zukünftig arbeiten?

Foto:  Elisabeth Viedt (Mitte) im Kreise ihres Tagungsteams (von links): Natalie Krämer, Cem Demir, Fabian Schmidt und Sarah Zehaluk. Die Vereine Der Weg, Axon und die Lavie gGmbH haben eine Fachtagung mit starkem Programm zum Thema „Dimensionen psychosozialer Grundbedürfnisse“ auf die Beine gestellt.  Foto: Regio-Press