Als die Firmen laufen lernten: Erste öffentliche Präsentation der vier Teams im Gründer-Campus Schöppenstedt.

Schöppenstedt. Die Sache entwickelt sich prächtig. Anders kann man die Neuauflage des Gründer-Camps nicht interpretieren, die derzeit in Schöppenstedt läuft. Mehr Unterstützer, mehr Besucher und vor allem: Mehr Gründer aus der Region prägen den Jahrgang 2023. Selbst der Ort der Veranstaltung ist spürbar auf einem neuen Level: Der DSTATION KreativCampus an der Braunschweiger Straße/Ecke Nordbahnhof umfasst jetzt schon drei Gebäude, ein viertes steht kurz vor dem Endausbau.

Arne Brökers ist der Mann, der seit 2020 das Lab4Land befeuert. Gemeinsame Fragestellung bei allen Aktivitäten seither: Wie kann das Leben und Arbeiten auf dem Land attraktiver werden? „Ich freue mich, dass unsere Initiative zuletzt unheimlich Fahrt aufgenommen hat und immer mehr Unterstützer findet“, sagt der studierte Bau-Ingenieur, der im Hauptberuf bei Dressler-Automation in Schöppenstedt an Industrie-Robotik arbeitet. Außerdem steht er dem Cowork-Space DStation als Community-Manager vor.

Sein Sommer aber steht ganz im Zeichen des vierwöchigen StartUp-Camps (seit 21. August), zu dem nach einem Bewerber-Verfahren vier Gründungsteams eingeladen werden. Der sogenannte Accelerator (deutsch: Beschleuniger) soll den künftigen Unternehmern helfen, sich und ihre Geschäftsidee zu entwickeln. Sie können vier Wochen lang in der DSTATION wohnen, werden nach Wunsch verpflegt und genießen sämtliche Annehmlichkeiten des Coworks. Regelmäßig finden Seminare statt. Die Teams lernen, müssen aber auch kritische Fragen beantworten. Es geht um Fördertöpfe und um Hinweise, wie man sich bei einem Pitch verhalten soll.

Ein solcher Pitch (ohne Englisch geht es in der Gründerszene nicht) findet immer dann statt, wenn es mehrere Bewerber gibt, zum Beispiel im Rennen um Aufträge, um Fördermittel, um Kooperationen. Jeder Aspirant hat ein paar Minuten Zeit, sich und seine Idee vorzustellen, dann kommt die nächste Gruppe. „Auch bei uns steht Mitte September ein Abschluss-Pitch auf dem Programm“, sagt Brökers. Diese Veranstaltung wird Ende und Höhepunkt des vierwöchigen Camps sein, es geht um den Gewinner 2023.

Dass es in Schöppenstedt derzeit nur Gewinner gibt, wurde jetzt beim „Matching-Abend“ deutlich. Da präsentierten sich die vier Gruppen einer ausgewählten Öffentlichkeit, hatten Kontakt mit der Förderbank und anderen Gründern – und sie sahen, wie ihre Idee wirkt auf Unbeteiligte. „Das war ein gelungener Abend“, resümierte Brökers. Gerade dass er nicht so überlaufen war, sei positiv gewesen. „Alle haben sich Zeit genommen füreinander und gute Gespräche geführt.“

Ähnlich sah es Constanze Obst vom Netzwerk der Business Angels Niedersachsen (Banson). „Es gibt vielversprechende Geschäftsmodelle, und überhaupt eine spannende Mischung bei toller Atmosphäre hier in Schöppenstedt. Ich bin gespannt, wer die Business Angels beim Pitch überzeugen kann.“ Die Samtgemeinde-Bürgermeister Marco Kelb (Sickte) und Dirk Neumann (Elm-Asse) waren ebenfalls beeindruckt: „Wir sind erstaunt, was es alles gibt an Kreativität – und was wir auf lokaler Ebene auch alles bieten können für Menschen mit Ideen.“

Vor allem Neumann empfindet das Wolfenbütteler Angebot keineswegs als normal für ähnliche Landkreise. „Coworking ein sehr geeigneter Impuls für das Leben auf dem Lande. Ich hoffe, Lab4Land etabliert sich weiter.“ Und Kelb ergänzte, dass die StartUp-Szene für Öffentlichkeit, öffentliche Hand und Bestandsfirmen oft wenig fassbar sei. „Man muss einfach mal hier gewesen sein, um die Hintergrunde und die Atmosphäre aufzunehmen.“

Neben der DSTATION, der Stiftung Zukunftsfonds Asse und der Projektagentur Wolfenbüttel ist erstmals die neue Wirtschaftsförderung im Landkreis Wolfenbüttel als Gastgeber dabei. Geschäftsführer Dr. Claudius Schiller freute sich vor allem über die hohe Quote regionaler Gründer (75 Prozent). „Das ist für uns eine große Motivation.“ Dr. Michael Strätz (Projektagentur) hatte im Vorfeld wachsendes Interesse an der Schöppenstedter Veranstaltung festgestellt. „Wir müssen nun daran arbeiten, unsere Angebote, Förderungen und weitere Hilfen für Gründer zu bündeln.“ Für Sven Volkers (Stiftung Asse) ist das Lab4Land „eine coole Nummer, die immer besser geworden ist – die wir aber weiter befeuern müssen“.

Dr. Schiller sieht steigendes Interesse auch aus der Bestandswirtschaft. Dies ist großartig, aber auch notwendig für junge Unternehmen. „Hier entwickeln sich tolle Ideen und Geschäftsmodelle von morgen“, formulierte er handfest. Wenn sich regionale Unternehmen als Sparrings- und Entwicklungspartner oder sogar als Auftraggeber positionieren, steigert dies ihre Sichtbarkeit und sie können sich frühzeitig gegenüber neuen Ideen positionieren. Auch bei den kommenden Generationen können sich die Unternehmen so als offene und interessierte Arbeitgeber ins Gespräch bringen.

Und die nächsten Impulse zeichnen sich schon ab. „Gemeinsam mit der Ostfalia möchten wir das Gründungsgeschehen in der Region stärken“, sagt Dr. Schiller. Dieser Schritt sei entscheidend für das StartUp-Klima in kleineren Einheiten. „Wenn wir das hinter uns haben, entwickelt sich vieles von alleine.“

Justus Sprengel war Absolvent im vorigen Jahr. Die Zeit in Schöppenstedt hat den Gründer weitergebracht. Foto: Regio-Press

Titelfoto: Erstmals ein Quartett bei Lab4Land. Die Gastgeber (von links): Dr. Michael Strätz (Projektagentur Wolfenbüttel), Sven Volkers (Stiftung Zukunftsfonds Asse), Arne Brökers (DSTATION Schöppenstedt) und Dr. Claudius Schiller (Wirtschaftsförderung im Landkreis). Foto: Regio-Press

Entspannte Stimmung bei Live-Musik und Gesprächen genossen beim Matching-Abend auch Dennis Budin (Wirtschaftsförderung) und Constanze Obst (Business Angels). Foto-Regio-Press

„Lab4Land? Ein Meilenstein auf dem Weg zur Gründung!“

Schöppenstedt. Was machen eigentlich die Absolventen aus dem vorigen Jahr? Diese wichtige Frage – gerade wenn es um Firmengründung geht – wird viel zu selten gestellt, und noch seltener beantwortet.

Umso erfreulicher, das diesmal mit Justus Sprengel einer nach Schöppenstedt kam, der seine Geschäftsidee vor einem Jahr präsentiert hatte. „Damals habe ich meine Vision von Nunc vorgestellt, lateinisch für Jetzt“, erzählte er. Durch die strengen Vorgaben der Fördermöglichkeiten habe er so lange nicht gründen dürfen, bis die Zusage eingetroffen war. „Doch das ist jetzt gerade passiert, so dass wir endlich tätig werden können.“

Der junge Gifhorner plant eine Sozialgenossenschaft, an der jeder Mensch Anteile erwerben kann. „Gerade Menschen mit Beeinträchtigung sind angesprochen, denn die Unternehmung soll in ihrem Sinne tätig werden – und die Menschen auf diesem Wege Teilhaber.“ Schon bei seiner Masterarbeit an der Ostfalia beschäftigte er sich mit dem Thema Firmengründung zur Inklusion. Deren Titel: „Eine Social Entrepreneurship Organisation (SEO) zur inklusiven kulturellen Teilhabe als progressive Pufferorganisation im Spannungsfeld der Sozialwirtschaft – Betrachtungen anhand einer Modell-SEO in Konzept und Gründung.“

Sprengel sieht sich auf einer sozialen Mission, gemeinsam zum Beispiel mit der Ostfalia und dem Stellwerk e.V., Verein zur Förderung seelischer Gesundheit (Gifhorn). „Wir wollen die Menschen nach ihren individuellen Potenzialen befragen und auf diesem Wege die Inklusion befördern.“ Etwaige Gewinne sollen nicht ausgeschüttet, sondern in die Genossenschaft reinvestiert werden. „Wenn es läuft, könnte ich mir auch andernorts weitere Einrichtungen dieser Art vorstellen, quasi als Franchise.“

Vom Lab4Land 2022 ist er noch immer begeistert. „Sich hier erstmals fremden Menschen präsentieren zu müssen, war ein wichtiger Meilenstein. Einfach mal raus aus dem Alltäglichen, das hat uns sehr geholfen. Auf diese Weise haben wir eine andere Sicht auf unser Projekt bekommen – und am Ende waren wir sogar pitchfähig, was für die Finanzierung ein großer Vorteil ist.“